Arabische und afrikanische Länder in den westlichen Massenmedien
Veröffentlicht von RayaHa in Allgemein, Gesellschaft, Medien am 27. Juni 2011
Den meisten Menschen in Deutschland war Tunesien vor der medialen Berichterstattung über die Jasmin-Revolution, wenn überhaupt, nur als Urlaubsland bekannt. Zwischen 2004 und 2007 reisten jährlich etwa eine halbe Million deutscher Touristen nach Tunesien (vgl. Auswärtiges Amt o. J.). Trotzdem wurde über die politischen Missstände, die zu der Jasmin-Revolution führten, kaum berichtet. Einer der Gründe könnte die gute Beziehung zwischen Tunesien und den westlichen Ländern gewesen sein.
Christoph Sydow bezeichnet Tunesien gar als „Musterschüler des Westens“. „Europa und die USA wurden von den Protesten in Tunesien min destens genauso überrascht wie die Staatsführung in Tunis. Denn in vielerlei Hinsicht ist der 10-Millionen-Einwohner-Staat ein Musterschüler des Westens. Nach der Unabhängigkeit 1957 orientierte sich Präsident Habib Bourguiba am Vorbild Frankreich, forcierte die Säkularisierung der Gesellschaft und schuf ein Bildungssystem, das für viele Staaten in der Region zum Vorbild wurde. Sein Nachfolger Ben Ali, der das Land seit 1987 autoritär regiert, setzte diesen Kurs fort. Wirtschaftspolitisch orientiert sich Tunesien weitgehend an den Vorgaben von Weltbank und Internationalem Währungsfond. Vom Weltwirtschaftsforum wurde das Land erst 2009 als wettbewerbsfähigste Volkswirtschaft Afrikas ausgezeichnet – im weltweiten Ran king landete das Land auf Platz 36, vor Staaten wie Portugal und Ita lien“. (Sydow 2011)
Über die Missstände in Tunesien berichteten die Massenmedien erst seit den Ereignissen während der Jasmin-Revolution. Die Protestkundgebungen und die Flucht Ben Alis waren ein Thema. Schlagzeilen machte später nur noch die Flüchtlingswelle, die Europa drohte. Folglich wurde die Berichterstattung der deutschen Medien über die Unruhen in der arabischen Welt von vielen Lesern und Zuschauern kritisiert, vor allem, dass das Thema schnell wieder vernachlässigt wurde. Eine Userin im Forum Info-tunesien.de dazu:
„Ich finde die Berichterstattung miserabel. Als es in Tunesien und Ägypten noch viel Krawall gab, hat man täglich was aus den Ländern gehört. Jetzt sind Mubarak und Ben Ali gestürzt und man hört gar nichts mehr. Dabei interessiert das die Leute“ (Info-tunesien.de 2011). In der Forums-Umfrage „Wie ist die Berichterstattung in den deutschen Medien über die Unruhen in der arabischen Welt? “ vertraten mehr als 70 Prozent der Umfrageteilnehmer die Meinung, dass die Berichterstattung der deutschen Massenmedien eher befriedigend bis miserabel war (vgl. ebd.). Fast 17 Prozent der Teilnehmer empfanden die Berichterstattung als gut und nur knapp ein Prozent bezeichnete die Berichterstattung als sehr gut (vgl. ebd.).
Der Journalist Volker Bräutigam schrieb in seinem Artikel “Klägliches Versagen von ARD und ZDF”, dass „ARD-Tagesschau und ZDF-heute als aktuelle und informative Quellen von Nachrichten über die Revolte in der arabischen Welt versagten“ (Bräutigam 2011). Darin kritisierte er vor allem die verspätete Berichterstattung über die Unruhen in den arabischen Ländern, zu denen auch Tunesien gehört.
Bereits 2008 berichtete Rüdiger Heinrich in einem Artikel über das Deutsch-Arabische Medienforum: „Die Diskussionsteilnehmer, Vertreter arabischer und deutscher Medien, waren sich einig, dass das Bild arabischer Länder in Deutschland und das Deutschlands in der arabischen Welt gelinde gesagt unbefriedigend sei. Grundsätzlich wurde festgehalten, seien Begriffe wie „arabische Welt“ oder Islamismus irreführend, denn außer dem Koran, der arabischen Hochsprache und den Palästina-Konflikt gebe es kaum Gemeinsamkeiten zwischen den Staaten am Golf und Levante.“ (Heinrich 2008)
Autorin Anne Fritsche gibt in ihrer Bachelor-Arbeit „Im Süden nichts Neues – Der Blick der Massenmedien auf die Dritte Welt“ einen Überblick über das Verhalten westlicher Massenmedien im Bezug auf die Berichterstattung über die „Dritte Welt“. Dabei zitiert sie Kurt Luger:
„Die soziale Realität in den Ländern der ‘Dritten Welt’ ist für den Großteil der westlichen Bevölkerung medial vermittelte Realität , die zumeist nicht mit Erfahrungen aus erster Hand korrespondiert. Sofern Länder des Südens über Eingang in die massenmediale Berichterstattung finden, wird ein Bild von ihnen gezeichnet, dass von Stereotypen und Klischees geprägt ist, und sich in einer Mischung aus viel Krieg und Katastrophen, etwas Mitleid, einem Schuss (sic!) Exotik und wenig Hintergrundinformation“1 konstituiert“. (Luger 1985, S.5)
Dass also über südliche Länder entweder gar nicht oder nur einseitig berichtet wird, ist folglich kein Phänomen, das nur in Deutschland zu beobachten ist. Auch andere „westliche“ Massenmedien scheinen dazu zu neigen südlicheren Ländern in eine bestimmte „Schublade zu stecken“. Im Fall von Tunesien ist das Schubladendenken nicht so einfach: Tunesien ist nämlich zugleich ein afrikanisches, arabisches und auch islamisches Land, jedoch zeichnen sich weder die Regierung noch das Volk durch Massenarmut oder Islamisus aus. Das Tragen des Kopftuches war unter der Führung von Ben Ali untersagt und Moscheen waren nur während der Gebetszeiten geöffnet (vgl. Tunispro.de, o. J.).
Zur Verteidigung der Massenmedien muss aber gesagt werden, dass sie in ihrem Tagesgeschäft einem ökonomischen Druck unterliegen und sich an dem orientieren, das für die Massen von Interesse ist. Diesem Druck müssen sich Blogger nicht beugen. Sie können über ein Thema schreiben, das ihnen am Herzen liegt und damit wertvolle und ergänzende Informationen für spezielle Zielgruppen liefern.
Die Jasminrevolution – Auszug aus meiner Diplomarbeit
Die tunesische Revolution, auch bekannt als Jasmin-Revolution, begann im Dezember 2010 und endete am 11. Januar 2011 mit dem Sturz des Präsidenten Zinelabidine Ben Ali, der aus dem Land flüchtete (vgl. Putz 2011).
Identifikation der jungen Tunesier mit Mohammed Bouazizi
Wie aus den Medien bekannt, wurde die Revolution durch die Selbstverbrennung des Hochschulabsolventen Mohammed Bouazizi ausgelöst, der sich nach einer Auseinandersetzung mit Beamten und aus Unzufriedenheit über das tunesische Arbeitssystem anzündete. „Die Selbstverbrennung von Bouazizi aus Protest gegen Arbeitslosigkeit und grassierendes Unrecht hat die ganze arabische Welt in Aufruhr versetzt. Viele, die ebenfalls Frustration, Verzweiflung und Ohnmacht empfinden, ohne dies ausdrücken zu können, haben Sympathie für ihn und sehen ihn als eine Art Vorbild.“(zitiert nach Muhammad, Okasha 2011). Das Schicksal von Mohammed Bouazizi löste eine Protestwelle unter den tunesischen Studenten und Akademikern aus, die für ein besseres Leben demonstrierten. „Zwar sind die Tunesier im Vergleich mit den Nachbarländern überdurchschnittlich gut ausgebildet, die Mittelschicht ist stark. Doch ohne Verbindungen oder Schmiergelder finden auch Hochbegabte keine Arbeit. Vom vergleichsweise starken Wirtschaftswachstum von etwa vier Prozent profitierte bislang vor allem eine kleine Elite und die weitverzweigte Herrscherfamilie“. (Putz 2011)
Freiheitseinschränkungen unter Ben Ali
Bis dato wurde die tunesische Gesellschaft durch Spitzel, willkürliche Strafen, Folter und weitere Repressalien drangsaliert. Statistisch gesehen kommt auf 40 Erwachsene Tunesier ein Polizist und zwei Drittel der Beamten sollen ihre Landsleute bespitzeln (vgl. Putz 2011). Auch die Regierung unter Ben Ali zeichnete sich nicht durch Demokratieverständnis aus. Souhayr Belhassen, Journalistin und Vorsitzende der internationalen Föderation für Menschenrechte (FIDH) erklärte es folgendermaßen: „Aus ihrer Sicht existiert der Pluralismus in Tunesien „nur in der Theorie“. In Wirklichkeit herrschte Ben Ali in einer Art Ein-Parteien-Staat mit einer völlig zersplitterten Opposition und staatstragenden Gewerkschaften.“ (Focus-Online 2011)
Die tunesische Presse unter Ben Ali
Auch die tunesische Presse- und Meinungsfreiheit wurde von der alten Regierung kontrolliert (vgl. Reporter-ohne-Grenzen.de o. J.). Aus zahlreichen Fernsehinterviews, die während der Jasmin-Revolution geführt werden konnten, ging hervor, dass die Tunesier im Laufe der Jahre aufgehört hatten, sich mit politischen Themen auseinanderzusetzen, da sie Angst vor den Konsequenzen wie Folter und Bedrohungen hatten. Viele Journalisten mussten das Land in dieser Zeit verlassen, weil sie sich regierungskritisch geäußert hatten (vgl. Amnesty-Meinungsfreiheit.de 2008). Die Presse war gleichgeschaltet und laut Angaben tunesischer Journalisten wurden redaktionellen Beiträge vor der Veröffentlichung von der Regierung kontrolliert (vgl. Stadtlich 2011). Die alte Regierung ließ auch das Internet zensieren. Tunesischen Internet-Nutzern wurde der Zugriff auf Seiten wie etwa YouTube verwehrt. Auch wirtschaftlich agierte das Regime von Ben Ali überwiegend undemokratisch und bereicherte sich an den Einnahmen des Landes (vgl. Hassel 2011).
Die tunesische Zeitungslandschaft
Veröffentlicht von RayaHa in Gesellschaft, Medien, Politik am 15. Mai 2011
Momentan liest man in allen tunesischen Zeitungen fast das Gleiche. Es geht um die Revolution – aber was wird aus der Presse, wenn die neue Regierung steht?
“Aus Sicht der tunesischen Journalisten ist die Presse in Tunesien noch lange nicht frei. Seit dem 14. Januar ähneln sich, bis auf in den Partei-Zeitungen, die Artikel der Zeitungen. Viele sind noch in staatlicher Hand. Mit Ausnahme der parteilichen Blätter haben die wenigen privaten Blätter noch keine ausreichenden Mittel, um wirklich unabhängig zu sein. Momentan besteht unsere Arbeit darin dafür zu arbeiten, dass unser Berufsstand akzeptiert und respektiert wird. Außerdem wollen die Journalisten es schaffen, dass der Journalismus die vierte Staatsgewalt wird und einen festen Platz in der Gesellschaft hat. Um dieses Ziel zu verwirklichen, wurde eine Organisation ins Leben gerufen, die eine Reform der Medien und Kommunikation in Tunesien anstrebt. Diese Reform wird uns den Weg in eine freie Presse hoffentlich ebnen.” (Journalistin aus Tunis am 13.05.2011)
Die tunesische Zeitungslandschaft:
Französischsprachig:
- la Presse
- le Temps
- le Quotidien (Link der Webseite funktioniert nicht)
- Tunis Hebdo
- L’expert
Arabischsprachig:
Zeitungen von Parteien:
Weitere interessante Beiträge über die Presse in Tunesien:
Aus der politischen Gefangenschaft in die tunesischen Charts
Veröffentlicht von RayaHa in Gesellschaft, Kultur, Medien, Politik am 14. Mai 2011
Balti und El Général
In zwei Jahrzehnten hat die Ben Ali Maschinerie alles dafür getan, das tunesische Volk mundtot zu machen. Nicht nur die Presse wurde zensiert, sondern auch die Musikbranche wurde strengstens überwacht. Wer über die Musik versuchte die Missstände im Land auszudrücken und zu verbreiten, musste mit menschenrechtsverachtenden Konsequenzen rechnen. Rapper wie Balthi oder El General, zwei besonders bei der jungen Generation angesehenen Musiker, verbreiteten ihre regierungskritischen Songs trotzdem im Internet und wurden dafür immer wieder verhaftet. Rapper Balthi, der mit bürgerlichem Namen Hamada Ben-Amor heißt, wurde während der Jasminrevolution festgenommen . Auch El Général musste in dieser Zeit für drei Tage ins Gefängnis. Im Interview mit Sueddeutsche.de berichtete der Rapper von seiner Zeit im Gefängnis und erzählt, dass die Beamten ihn dazu zwangen eine Erklärung zu unterschreiben keine politischen Songs mehr zu produzieren.
Inhalt des Songs “Rais Lebled”:
Der Clip beginnt mit einer Szene in der Ben Ali eine Schule besucht und den kleinen verschüchterten Jungen fragt, ob er ihm denn nichts sagen möchte. Diese Szene steht für die Ohnmacht des gesamten tunesischen Volkes. Auf den ersten Blick gab sich die Regierung offen und frei, aber jeder wusste was geschehen würde, wenn er seine Meinung preisgegeben hätte. El Général sagt dann in dem Song, das was das Volk sagt. Er spricht über die Armut und die Ungerechtigkeit in Tunesien. “Präsident des Landes, du siehst doch wie unser Land das Bach runter geht und du weißt genau wer dafür verantwortlich ist. Hier gibt es Menschen, die nicht wissen wo sie heute nacht übernachten sollen. Armut und Unterdrückung prägen unser Land. Wenn es uns gut gehen würde, gäbe es für mich keinen Grund, diese Zeilen zu schreiben”.
Inhalt des Songs “Matloumounich”:
Balti rappt in diesem Song über seine eigenen Erfahrungen mit dem Regime. Er erzählt wie die Regierung ihn davon abhalten wollte, seine Songs zu produzieren. “Hört auf mit der Angst, Stille, Gewalt und Drohungen. Fast hätte die Angst vor dem Regime mich dazu gebracht aufzuhören darüber zu rappen was hier passiert. Ich wurde geschlagen und man wollte mich zwingen aufzuhören. Aber ich höre nicht auf – ich will frei sein, will sagen was ich denke, ohne Angst um meine Familie haben zu müssen”.
Zensurumgehung über das Internet
Die tunesischen Musiker ließen sich trotz der Einschüchterungsversuche nicht unterkriegen und blieben weiterhin das Sprachrohr der jungen Erwachsenen in Tunesien. Über Umwege und Tricks verbreitete sich ihre Musik über das Internet. Die Fangemeinde auf Facebook und anderen sozialen Netzwerken wuchs immer weiter. Allein auf seiner offiziellen Fanpage hat El Général momentan über 142.000 “Likes” und auch musikalisch läuft es gut mit den gesellschaftskritischen Songs. Jetzt, wo Ben Ali in der Rolle des Gesuchten ist, den die tunesische Justiz verfolgt, tönen die Songs der mutigen Jungs aus allen Radios in Tunesien. Jetzt muss niemand mehr Angst haben, wenn er “Rais Lebled” (Präsident des Landes) oder “Matloumounich” (Verurteilt mich nicht) von Balti anhört. “Es lebe Ben Ali” hört man in Tunesien schon lange niemanden mehr sagen, stattdessen hört man in Tunesien heute nur noch “es lebe das Volk”.
Urlaub in Tunesien
Günstige Preise für Tunesien
In den Schaufenstern der Reisebüros sieht man seit der Jasminrevolution kaum noch Angebote für Tunesien. Durch die Unruhen ist das Land für die meisten Touristen unattraktiv geworden und auch Reiseveranstalter scheuen sich davor, das Land intensiv als Reiseziel anzupreisen. Dabei sind die Tunesier gerade in dieser schweren Zeit auf den Tourismus angewiesen und auch für die Touristen lohnt sich die Reise nach Tunesien. “Die Preise für Hotels sind momentan so billig wie noch nie”, meint Bechir, ein Gelegenheitsjobber aus Bizerte. Tunesien ist auf den Tourismus angewiesen, “ohne die Touristen haben Leute wie ich keine Gelegenheit sich ihr Brot zu verdienen”. Früher hat Bechir als Fotograf in Hotels gearbeitet, momentan ist er ohne festen Job. Trotzdem ist er glücklich, dass Ben Ali endlich weg ist.
Tunesienbilder von Mai 2011
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Eigene Erfahrung
Um mir selbst ein Bild über die Lage zu verschaffen, bin ich in einige tunesische Städte gefahren. Für einen Entspannungsurlaub im Hotel ist das Land aus meiner Sicht nach wie vor geeignet. Nur in Tunis kann es einem schon etwas mulmig werden. In der Hauptstadt kommt es öfter zu Unruhen, da Menschen gegen Beschlüsse demonstrieren und es politisch gesehen noch keine klare Linie gibt. Was die klassischen Touristenziele in Tunesien angeht finde ich, dass Tunesien genauso schön ist wie vorher. Wobei – ohne die vielen Plakate von Ben Ali ist das Land noch schöner geworden.
Die tunesische Presse nach Ben Ali
Veröffentlicht von RayaHa in Gesellschaft, Medien, Politik am 14. Mai 2011
Was Ben Ali angeht nimmt die tunesische Presse kein Blatt mehr vor den Mund. Während die Medien unter der Diktatur eher an Werbehefte für die Regierung erinnerten, hagelt es in den Medien nur noch so von Enthüllungen und Kritik in Bezug auf das alte Regime. Jeden Tag werden neue Beiträge veröffentlicht, die die Abgründe des “mafiösen Clans” an die Öffentlichkeit bringen. Anhänger des alten Regimes versuchen jedoch die Revolution sabotieren und stellen sich den Tunesiern in den Weg.
Tabubruch mit alten Regeln
Vor einigen Tagen erschien in der tunesischen Zeitungen Al Watania eine Enthüllungsgeschichte über den unehelichen Sohn Ben Alis. Während der Diktatur hätte dem Blatt die Schließung oder Beschädigung der Redaktionsräume gedroht, sowie die Inhaftierung der Verantwortlichen für diesen Beitrag. Auch der Sohn hätte sicher mit Konsequenzen für seine Offenheit rechnen müssen. “Laut Reporter ohne Grenzen” gehörte Ben Ali zu den Feinden der Pressefreiheit.
Vertuschungsversuche der Verantwortlichen
Dass die tunesischen Medien nun scheinbar fast alles was im Land passiert, veröffentlichen, bedeutet aber noch nicht, dass die Presse nun „frei“ ist. Immer wieder versuchen Anhänger des alten Regimes, die viel zu befürchten hätten, wenn ihre Vergehen an das Tageslicht kämen, die Journalisten zu sabotieren. Die meisten von ihnen gehörten der bereits zwangsaufgelösten Ben Ali Partei RCD (Rassemblement constitutionnel démocratique ) an und ihr Einfluss auf die aktuellen Geschehnisse scheinen immens zu sein. Immerhin könnte dies den Unterstützern des Ex-Regimes schaden und juristische Folgen nach sich ziehen.
Gewalt soll Journalisten abschrecken
Zwar berichten die tunesischen Medien inzwischen viel kritischer und unabhängiger über die politischen Entwicklungen. Sie müssen dafür aber viele Risiken auf sich nehmen. Nach 23 Jahren Stillschweigen wollen viele Verantwortliche in offiziellen Positionen nicht wahrhaben, dass die Presse über Fehlverhalten und Missstände öffentlich berichten möchte. Um die Arbeit der Journalisten zu erschweren, werden sie wie vergangene Woche angegriffen und bedroht. Auf der Avenue Habib Bourguiba in Tunis wurden zahlreiche Journalisten verschiedener Agenturen und Medien von maskierten Personen angegriffen. In einem Interview mit zwei Journalisten, die diesen Zwischenfall miterlebt haben, erfuhr ich, dass das Equipment der Presseleute gezielt beschädigt wurde. Ein Journalist kam bei den Attacken sogar ums Leben.
Verdacht auf gekaufte “Krawallmacher”
Hinter vorgehaltener Hand vermuten einige Tunesier, dass die Anhänger des alten Regimes für Fälle wie diese verantwortlich sind. Eine Frau sagte im Telefoninterview des Senders Al Watania, dass sie gesehen habe wie ein Mann und eine Frau mehreren Jugendlichen und Kindern Geld gegeben hätten. Viele vermuten, dass die Geldgeber junge Menschen dafür bezahlen Schaden anzurichten um den Demokratisierungsprozess zu sabotieren. Die Tunesier glauben nicht daran, dass jemand auf die Idee käme, grundlos das eigene Land zu zerstören, sondern eher, dass sich ehemalige Regimeanhänger der RCD am Volk rächen wollen und dem Volk die neue „Freiheit“ madig machen wollen. So wollen sie Angst verbreiten und den Eindruck erwecken, dass die Revolution dem Land mehr geschadet als genutzt hat. Außerdem sitzen noch viele dieser “schwarzen Schafe” auf wichtigen Posten. Es scheint als ob in Tunesien niemand mehr wirklich weiß, wer Feind und wer Freund ist. Das einzig Gute ist, dass man sich jetzt öffentlich beschweren kann, was zuvor undenkbar gewesen wäre.
Die Angstverbreitungstaktik scheint nicht bei allen aufzugehen
In der Tat scheinen einige aus dem Volk eingeschüchtert durch die Krawalle und Angriffe auf Journalisten und Aktivisten. Das Gefährliche daran ist, dass die neue Art der Berichterstattung bei dem Volk den Eindruck erweckt, dass nun die ganze Wahrheit über die politischen Entwicklungen an das Tageslicht käme. Vielen Tunesiern machen die kleineren Aufstände, Demonstrationen und Auseinandersetzungen Angst, doch nicht alle lassen sich verschrecken. „Wir sollten uns nicht einschüchtern lassen. Keine Revolution ist erfolgreich ohne, dass das Volk Opfer bringen muss“, so Mohammed Ali, ein politisch interessierter Student aus Tunis, “gerade jetzt darf das Volk sich nicht von diesen Feiglingen beeindrucken lassen”. Auch die Journalisten wollen nicht aufgeben. Die neue Freiheit ist aus ihrer Sicht deutlich besser als zu Zeiten Ben Alis. „Davor mussten wir unsere Beiträge vor der Veröffentlichung genehmigen lassen, jetzt veröffentlichen wir sie einfach und fühlen uns wieder wie echte Journalisten“, sagt Mofida, eine Journalistin aus Tunis. „Wir wissen, dass unsere eigenen Leute aus dem Volk niemals ihre eigenen Städte zerstören würden. Diejenigen, die Schaden anrichten, haben entweder etwas zu vertuschen oder wurden dazu angestiftet. Das alles stinkt nach einer Reihe von Komplotten und billigen Versuchen, die Befreiung unseres Landes zu behindern“, fügt ihre Kollegin Radhia hinzu.
Aktuelle Lage in Tunesien im Mai
Meine Internetverbindung in Tunesien ist leider nur provisorisch und nicht gerade schnell. Sobald ich einen besseren Internetanschluss habe werde ich weitere Beiträge mit Bildern veroeffentlichen.
Die Lage in Tunesien hat sich leider verschlechtert. In noerdlichen Staedten wie Tunis und Bizerte wurde vor einigen Tagen eine Ausgangssperre ab 20 Uhr verhaengt, weil einzelne kriminelle Banden den Ausnahmezustand ausnutzen, um ihr Unwesen zu treiben. Am Donnerstag griffen Maskierte Journalisten in Tunis an. Man munkelt, dass es sich um Revolutionsgegner handelt, die gerne das alte Regime zurueck haetten. Unter den Betroffenen befanden sich auch Journalisten von Reuters und La Presse. In der Kleinstadt Menzel Bourguiba nahe Bizerte wurde am selben Tag eine Bank überfallen und es gab weitere Krawalle.
Bei meinem heutigen Ausflug nach Hammamet wollte ich sehen wie die Lage in Touristengegenden aussieht. Die Touristen mit denen ich gesprochen habe, berichten Positives und kriegen nicht viel von dem Chaos mit. Hier hat sich die Aussage vom Fremdenverkehrsamt bestätigt.
Alles in Allem habe ich den Eindruck, dass die Touristengegenden von den gesellschaftlichen Unruhen im Norden des Landes unberührt, bleiben.
Willkommen im Mittelalter
Veröffentlicht von RayaHa in Gesellschaft, Medien, Politik am 3. Mai 2011
Ein netter Denkanstoß von Yassine Ayari, einem Blogger aus Tunesien zu den aktuellen Nachrichten über Prinz William und dem Tod von Osama Bin Laden.
“Man heiratet einen Prinzen, spricht den Papst selig, macht Kreuzzüge und tötet den Feind.Willkommen im Mittelalter!”
Medikamente für die Flüchtlingslager
Veröffentlicht von RayaHa in Gesellschaft, Medien, Soziales am 1. Mai 2011
Aus Lina Ben Mhennis Blog:
Lina Ben Mhenni ist eine der bekanntesten Bloggerinnen aus Tunesien. Die 27-jährige Dozentin bloggt seit vielen Jahren über die Situation in Tunesien und gewann vor Kurzem den internationalen Blog Award der Deutschen Welle. Auch unter der Herrschaft von Ben Ali bloggte die mutige junge Frau stets unter ihrem echten Namen. Das Blog “A Tunisian Girl” war bis zum Fall Ben Alis verboten. Seit der Revolution bloggt sie über die Schwierigkeiten einer Demokratisierung in Tunesien. Vor einigen Tagen postete sie eine Liste von Medikamenten, die das Rote Kreuz für die Flüchtlinge in den Flüchtlingslagern benötigt. Ich habe diese Übersicht übernommen und stelle sie allen bereit, die nach Tunesien fahren und helfen wollen. Die Kontaktdaten für die Sammelstellen gebe ich auf Anfrage raus.



